Uneingebetteter Ulrich Tilgner

Wir werden ihn vermissen. Ulrich Tilgner hat seinen Vertrag als Leiter des ZDF-Büros in Teheran und Sonderkorrespondent des Zweiten für den Nahen und Mittleren Osten nicht verlängert – um seine journalistische Unabhängigkeit zu wahren. Ab 1. April berichtet der erfahrene wie renommierte Kriegsreporter hauptsächlich für das Schweizer Fernsehen SF. Tilgner sieht die kleine Alpenrepublik als letzte Oase kritischer Berichterstattung.

Im Migros-Magazin erklärte der Nahost-Epxerte, er fühle sich in Deutschland in seiner Arbeit zunehmend eingeschränkt, „gerade auch was die Berichterstattung aus Afghanistan angeht, jetzt, wo dort deutsche Soldaten sterben“. Es gebe Bündnisrücksichten, die sich in der redaktionellen Unabhängigkeit der Sender widerspiegelten. Gleichzeitig werde Politik immer mehr in Nischen verdrängt.

„In der Schweiz hingegen sind Sendungen wie ‚Tagesschau‘ oder ’10vor10′ Institutionen“, so Tilgner. Dort habe er noch keine Eingriffe in seine Arbeit erlebt – was umgekehrt ja heißt, auf dem Lerchenberg in Mainz wird bisweilen sehr wohl interveniert, oder direkter: das Zweite ist beim Verteidigungsministerium und Kanzleramt eingebettet. Da geht’s dann ab mit Minister Jung nach Afghanistan. Statt kritischen Frontberichten hagelt es Features über Aufbauerfolge und Stabilität. Immer exklusiv.

Im Migros-Magazin kritisiert Tilgner die hiesige Berichterstattung über den US-besetzten Irak. Von einer „erfolgreichen Mission“ zu sprechen, wie dies – nicht nur amerikanische – Medien immer häufiger täten, sei angesichts von drei Millionen Flüchtlingen und 150.000 Ermordeten ein „unglaublicher Zynismus“. „In Bagdad hat nahezu jede Familie Verwandte verloren. Wenn man da von Erfolg spricht, weiß ich nicht, was dann ein Mißerfolg wäre“, so Tilgner.

Offiziell bedauert ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender den Abgang. (rg)

Quelle: Junge Welt, 31. Januar 2008

Kritisierte Publikation: ZDF
RJ, 31. Januar 2008, 18:36 Uhr, 2 Kommentare



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Bisher 2 Kommentare
  1. Von Readers Edition » Journalisten - Wird, wer sich nicht “einbetten” läßt, “entsorgt”?, 30. März 2008, 02:03 Uhr

    […] einem von watchblog.de wiedergegebenen Artikel von “Junge Welt” lautet es: “Was umgekehrt ja heißt – auf dem Lerchenberg in Main… Tilgner kritisiert auch die hiesige Berichterstattung über den US-besetzten Irak. Von einer […]

  2. Von Whistleblower-Netzwerk » Blog Archiv » Journalisten als Whistleblower?, 02. April 2008, 13:59 Uhr

    […] Nachdenkseiten, Readers Edition und Watchblog läßt sich in der Jungen Welt unter Bezug auf eine leider online scheinbar nicht mehr verfügbares […]

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