Zitat falsch übersetzt und ausgeschmückt

Israel müsse von der Landkarte verschwinden, soll der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad 2005 gesagt haben. So steht es etwa im einleitenden Satz des Dossiers zum Thema Antisemitismus der Bundeszentrale für politische Bildung: „Mit seiner Äußerung, Israel von der Landkarte tilgen zu wollen, sorgte Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad im Oktober 2005 weltweit für Empörung. Sein offener Hass gegen Israel und die Juden entlädt sich regelmäßig: in Drohungen, Anfeindungen, in einer konsequenten Leugnung und Relativierung des Holocaust.“

Diese Darstellung hält sich hartnäckig, ist aber offenbar falsch. Auf verschiedenen Webseiten war schon 2005 zu lesen, dass Ahmadinedschad etwas anderes gesagt habe. In der Süddeutschen Zeitung (15.03.2008) schreibt nun Katajun Amirpur (Wikipedia), dass dieser viel zitierte Satz so von Ahmadinedschad nicht gefallen sei. Er habe damals schlicht gesagt, dass das israelische Besatzungsregime Geschichte werden müsse. Er habe die Forderung ausgesprochen, die Besatzung Jerusalems zu beenden, so Amirpur.

Die Arbeiterfotografie hat die Bundeszentrale für politische Bildung in einem Offenen Brief auf ihren Fehler aufmerksam gemacht und nach Quellen für ihre Behauptung gefragt. Bernd Hübinger, stellvertretender Präsident der Bundeszentrale, schreibt in seiner Antwort, dass er keine Quellen dafür habe, die Formulierung aber nicht ändern werde. Dafür nennt er zwei Gründe. Erstens sei es kein Zitat sondern eine Paraphrase Ahmadinedschads, und zweitens stehe die Formulierung im Einklang mit Darstellungen diverser seriöser Medien, so Hübinger.

Trotz der immer wieder Israel-feindlichen Äußerungen Ahmadinedschads finde ich es bedauerlich, dass sich die Bundeszentrale für politische Bildung das so einfach mit ihren Quellen macht und Zitate ausschmückt anstatt sie richtig einzuordnen.

Update, 08.05.2008: Nachdem sich der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages mit der Sache beschäftigt hat, sieht es die Bundeszentrale für politische Bildung nunmehr als sinnvoll an, die umstrittene Rede Mahmud Ahmadinedschads in einer offiziellen Übersetzung zu veröffentlichen sowie die Kontroverse um die Übersetzung des Zitats auf der Website darzustellen und einen Meinungsartikel zur Auseinandersetzung zu veröffentlichen.

Die einleitenden Worte des Antisemitismus-Dossiers wurden daraufhin geändert. Allerdings wurden noch zwei Texte von Henryk M. Broder und Matthias Küntzel angefügt. Dazu schreibt Mathias Bröckers (01.05.2008): „Statt einer Entschuldigung ihrer Desinformation hat die BpB jetzt im Netz zusammen mit der korrekten Übersetzung eine ‚Debatte um die Position Irans‘ eröffnet und dazu einen chronischen Islamophobiker (H.M.Broder) und einen ‚Antideutschen‘ (M.Küntzel) um Beiträge gebeten. So lobenswert es sein mag, sich als öffentlich-rechtliche Anstalt auch um bizarre politische Randgruppen zu bemühen, aber dann kann man zum Zwecke der ‚politischen Bildung‘ eine Debatte über Frauenrechte auch gleich von zwei Zuhältern eröffnen lassen oder eine über Vegetarismus von Vertretern der Metzger-Innung.“

Kritisierte Publikation: BpB
RJ, 16. März 2008, 22:54 Uhr, 1 Kommentar



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Bisher 1 Kommentar
  1. Von Helga Müller, 05. Mai 2008, 07:09 Uhr

    Die Bundeszentrale für politische Bildung verdient ihren Namen nicht. Meiner Meinung nach ist diese Einrichtung ein Propagandainstrument der neoliberalen Wirtschaftssekte.
    Welche Journalisten könnten in dieser Einrichtung tiefgründig recherchieren und aufdecken?

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